Samstag, 16. Mai 2015

Johannes Nepomuk - der Brückensturz gem. der Klageschrift von Erzbischof Johannes von Jenzenstein


Johannes Nepomuk-Denkmal, Karlsbrücke, Veitsdom im Hintergrund


Eine ausführliche Schilderung der Vorgänge in Prag am 20. März 1393 gibt uns die Klageschrift, welche Erzbischof von Jenzenstein unmittelbar nach ihnen und unter ihrem frischen Eindruck dem Papst Bonifatius IX. in Rom persönlich überreichte. In ihr zählt er in 38 Artikeln alle Übergriffe auf, die sich der König bzw. seine Räte mit Vorwissen und Willen ihres Herrn auf das kirchliche Rechtsgebiet hatten zuschulden kommen lassen.




Nach der Darstellung des Erzbischofs war der Hergang der Ereignisse folgender: Gleich nachdem der Generalvikar Johannes von Pomuk mit seinen Amtsgenossen Nikolaus Puchnik am erzbischöflichen Hof in Raudnitz angekommen war, traf dort die Aufforderung des Königs an den Erzbischof ein, sofort nach Prag zu kommen. Dieser zögerte begreiflicherweise. Schließlich entschloß er sich, da das Drängen des Königs ungestümer wurde, auf den Rat seines Generalvikars sowie seines Hofmeisters, doch nach Prag zu gehen.

Auf  dem Weg kamen ihm jedoch neue Bedenken und er machte eine Meile vor Prag - wahrscheinlich in dem ihm gehörenden Keje - Halt. Dort fanden sich nun als Unterhändler des Königs ein: dessen Beichtvater, der Minorit Fr. Nikolaus von Münsterberg, erwählter Bischof von Lavant und der Hofmarschall Johann Cuch von Zasada auf Lobkowic. Sie sollten den Erzbischof überreden, nach Prag zu kommen und mit dem König persönlich zu verhandeln.



Beichte der Königin, Karlsbrücke, Prag

Johannes v. Nepomuk wird in die Moldau gestürzt, Karlsbrücke, Prag


Das war für die beiden Unterhändler keine leichte Aufgabe, hatten sie doch gleichzeitig dem Erzbischof ein Brieflein des Königs auszuhändigen, das nichts weniger als beruhigend klang. Der Erzbischof gibt den Inhalt dieses in vulgari teutonico, also deutsch, abgefaßten königlichen Handbillets lateinisch wieder: Tu Archiepiscope mihi castrum Ridnicz et alia castra mea restituas et recedas mihi des terra mea Boemie. Et si aliquid contra me tentabis vel meos, volo te submergere litesque sedare, Pragam veni! Man wird verstehen, daß sich der Erzbischof, nachdem er vom Inhalt dieses Schreibens Kenntnis genommen hatte, entschieden weigerte, Prag zu betreten und sich geradezu dem Jähzorn des Königs und seinen unberechenbaren Folgen auszusetzen.

Nur dadurch, daß sie die beiden Unterhändler zugleich mit dem Obersthofmeister des Königs, Heinz Skopek von Duba, der auch noch dazukam, mit ihrer eigenen Person für des Erzbischofs und seiner Umgebung Leben und Sicherheit verbürgten, gelang es, ihn umzustimmen und zu bewegen, mit seinem Gefolge und seinen Räten - dem Generalvikar, dem Offizial Nikolaus Puchnik und dem Probst von Meissen Wenzel Knobloch - im erzbischöflichen Hofe auf der Prager Kleinseite Wohnung zu nehmen.

Die Unterhändler des Königs und die drei eben genannten Vertreter des Erzbischofs nahmen die Aussöhnungsverhandlungen auf, die schon am folgenden Tag zu einem glücklichen Abschluß gediehen. Es wurde ein beiden Partnern genehmer Vertrag aufgesetzt und für den anderen Tag eine persönliche Zusammenkunft zwischen König und Erzbischof ausgemacht. Sie sollte im Kloster der Johanniter-Ritter, das neben dem erzbischöflichen Hofe lag, also auf neutralem Boden, vor sich gehen. Auf ihr gedachte man, eine vollständige Aussöhnung zwischen den beiden Männern, die Staat und Kirche in Böhmen vertraten, zu erreichen. Der am Vortag aufgesetzte Vertrag sollte dabei von ihnen unterfertigt werden.




Die geplante Zusammenkunft fand auch statt, nahm aber einen ganz anderen Verlauf, als beide Teile gedacht und wohl auch erhofft hatten. Der König, der seiner Gepflogenheit gemäß bereits am frühen Morgen stark dem Weine zugesprochen hatte, - wenigstens schließt dies W. W. Tomek aus seinem ganzen Verhalten, - geriet beim Anblick des Erzbischofs und seiner geistlichen Räte in maßlosen Zorn und - so erzählt der Erzbischof wörtlich - "kassierte und zerriß jenen Vertrag, den er doch selbst durch seinen Rat hatte verfassen lassen, mit dem Bemerken, er wolle sich mit einem solchen Vertrag und Abkommen nicht zufriedenstellen. Aber das fügte er noch bei - (...): Erzbischof, du bannst ohne mein Vorwissen meine Beamten; du hast den Abt von Kladrau bestätigt; du schwärzest meinen Unterkämmerer als Ketzer und Irrlehrer an und bringst auch die Juden mit herein in die ganze Sache, wo doch die Juden nur mich etwas angehen und jene Sache mich allein betriffrt. Du fängst ohne alle Überlegung solche Sachen an und auf eigene Faust. Merk dir, das soll dir teuer zu stehen kommen und auch den Deinen!"

"Dann schleuderte er auch gegen meinen Hofmeister Drohungen und sagte ihm schließlich: "Mach dich fort von hier, sonst will ich dir deinen Kopf zu Füßen legen lassen!" Schließlich deutete er auf meine Räte, die Prälaten, die hinter mir standen, und sagte: "Nehmt mir diese vier gefangen und bringt sie in sicheres Gewahrsam!" Er meinte damit meinen Offizial Nikolaus Puchnik, meinen Generalvikar, den decretorum Doktor Johannes, meinen Kanonikus und Meißner Propst Wenzel und mich selbst. Auch sonst stieß er wilde Drohungen aus, zeigte mit dem Finger auf uns und sagte: "Dich und dich, werde ich ertränken lassen! Jetzt aber werdet ihr zum Kapitelhaus hinaufgehen und dort werde ich schon sehen, auf wessen Rat und Veranlassung dies geschiehen ist!"


Denkmal, das den Ort des Brückensturzes bezeichnet




Der Erzbischof wollte nun  durch einen Kniefall den Zorn des Königs besänftigen. Doch der König äffte voll Hohn diese Gebärde nach und fiel auch seinerseits vor dem Erzbischof auf die Knie. Die dadurch entstehende Verwirrung benutzte die Leibwache des Erzbischofs, schob sich zwischen König und Erzbischof und drängte diesen vom König weg. Dann brachten sie ihn unbehelligt aus dem Saal und Kloster, ohne daß dies der König in seinem blinden Wüten und Toben überhaupt wahrnahm.
Erst als er mit den übrigen Gefangenen im Kapitelhaus auf der Burg ankam, bemerkte der König, daß ihm der Erzbischof entkommen war. Er traf wohl sogleich Anstalten, sich seiner wieder zu bemächtigen, ließ die Stadttore und den Moldauhafen besetzen und die Überfuhr über den Fluß allgemein sperren. Allen Geistlichen wurde für die kommende Nacht das Verlassen des Hauses verboten: Priestern wurde im Betretungsfall Gefängnishaft angedroht, Klerikern - also auch den Hörern der Hochschule - der Verlust der rechten Hand.

Doch hatte sich der Erzbischof bereits in Sicherheit gebracht. Da nicht einmal seine feste Stadt Raudnitz ihm genügend Schutz zu bieten schien, war er in die dichten Wälder des Erzgebirges gegen Sachsen zu an die Grenze seines ehemaligen Bistums Meißen geflüchtet. Hier durfte er in der dem Erzbistum gehörigen Burg Geiersberg - an der Zollstraße von Aussig nach Meissen - sicheren Schutz vor weiteren Nachstellungen des Königs erwarten.




"Dieser hatte inzwischen die drei gefangenen Prälaten" - wir lassen nun wieder den Erzbischof selbst erzählen - "mit meinem Hofmeister, Herrn Nyepr, einem schon betagten Ritter, ins Kapitelhaus gebracht und von dort ins Richthaus zum Nachrichter. Im Kapitelhaus schlug er meinem Domdechanten, den Juris Doktor Bohuslaus (von Krnow), einen ehrwürdigen Mann und bereits hoch in den Jahren, mehrere Male mit seinem Degenknopf dermaßen fest auf das Haupt, daß das Blut nur so herumspritzte."

"Im Richthaus, wo Laien zu Gericht sitzen, ließ er ihnen Hände und Füße binden und sie vor aller Augen vom Henker und Folterknecht der gemeinen Verbrecher in sakrilegischem Unterfangen auf mannigfache Weise peinlich foltern. Er sah dabei nicht bloß zu, sondern mit Hintansetzung der Ehre seiner königlichen Majestät legte er selbst Hand an und brannte mit einer großen Fackel den Generalvikar und den Offizial an der Seite und an verschiedenen anderen Stellen. Nur den Propst verschonte er und den Ritter (Nyepr), den er an einem anderen Orte in Gewahrsam hielt.

"Dann gab er den Befehl, sie zu ertränken. Und sicher wären sie auch alle ertränkt worden, wenn sie nicht in Gegenwart eines öffentlichen Notars das eidliche Versprechen abgegeben hätten: weder jetzt noch späterhin davon zu sprechen, daß sie gefangengehalten und gefoltert wurden. Auch mußten sie ihm schwören, gegen mich, ihren Erzbischof, Stellung nehmen zu wollen. Jene ließen sich nun in ihrer Todesangst, ehe sich sich ertränken ließen, dazu herbei, eine öffentliche, rechtsgültige Urkunde auszustellen und bekräftigten sie durch einen Eidschwur."

"Nur der ehrwürdige Doktor Johannes, mein Generalvikar für die geistlichen Angelegenheiten des Erzbistums, wurde aufs grausamste gemartert und es wurde ihm eine Seite des Körpers dermaßen verbrannt, daß er auf keine Weise hätte am Leben bleiben können. Schließlich wurde er ganz offen durch die Straßen und über die Plätze der Straße geschleppt, seine Hände auf den Rücken und seine Füße gegen das Haupt nach Art eines Rades zusammengeschnürt, und sein Mund gewaltsam mit einem hölzernen Knebel aufgespreizt. So wurde er um die dritte Nachtstunde von der Prager Brücke in die Moldau gestürzt, wo er im Wasser des Flusses versank und elendiglich seine Tage beschloß."

(aus: Gefolge des Lammes, Bd. 2, 242-245, 1960)


Ratet, wie ich heiße


und macht dann einen Blick rüber zu meinem Beschützer.



Freitag, 15. Mai 2015

Was ist das für ein Geheimnis, mein Sohn?

Fresko in S. Zeno, Verona


Heute hängt am Kreuz, der auf Wasser schweben lässet die Erde.
Mit einem Kranz aus Dornen wird umwunden der König der Engel.
Zum Spott wird mit einem Purpur umhüllt, der den Himmel umhüllet mit Wolken.
Schläge erhält, der im Jordan den Adam befreite.
Mit Nägeln wird angeheftet der Kirche Bräutigam.
Mit einer Lanze ward durchbohrt der Sohn der Jungfrau.
Wir verehren, Christus, deine Leiden.
Auch deine herrliche Auferstehung uns zeige.

(...) Als dich, die dich empfangen, o Christus am Kreuz hangen sah, da rief sie hinauf:
Was ist das für ein neues Geheimnis, mein Sohn, das ich schaue?
Wie stirbst du, im Fleisch befestigt am Kreuze, du Meister des Lebens?
(aus: Die Ostkirche betet, Die Karwoche, 115)

Donnerstag, 14. Mai 2015

Tagesausklang


Christi Himmelfahrt


Christi Himmelfahrt, Rosenkranzaltar in d. Turiner Dominikanerkirche

In seiner Abschiedsrede an die Jünger hob Jesus besonders die Bedeutung seiner „Heimkehr zum Vater“ hervor, der Krönung seiner ganzen Sendung. Denn er ist in die Welt gekommen, um den Menschen zu Gott zurückzuführen, und zwar nicht auf einer geistigen Ebene – als Philosoph oder Weisheitslehrer –, sondern in Wirklichkeit, als Hirte, der die Schafe in ihren Stall zurückbringen will.

Diesen „Auszug“ (Exodus) zur himmlischen Heimat, den Jesus persönlich erlebte, hat er in allem für uns auf sich genommen: Für uns ist er vom Himmel herabgestiegen, und für uns fuhr er zu ihm auf, nachdem er dem Menschen in allem gleich geworden war, erniedrigt bis zum Tod am Kreuz, und nachdem er den Abgrund der größten Gottesferne berührt hatte.
Gerade aus diesem Grund hat Gott an ihm Gefallen gefunden und „ihn über alle erhöht“ (Phil 2,9) und ihm so die Fülle seiner Herrlichkeit zurückerstattet, jetzt aber in unserer menschlichen Natur. Gott im Menschen, der Mensch in Gott: Das ist nun keine theoretische, sondern eine wirkliche Wahrheit.

Deshalb ist die christliche Hoffnung, die ihren Grund in Christus hat, keine Illusion, sondern wir haben, wie der Brief an die Hebräer sagt, „in ihr… einen sicheren und festen Anker der Seele“ (Heb 6,19), einen Anker, der in den Himmel eindringt, wohin Christus uns vorangegangen ist.

(aus der Ansprache von Papst Benedikt XVI. zum Regina Caeli, 5. Mai 2008)

Hoffnung-ein sicherer Anker der Seele, Kanzel, Basilika Pöllau

Allmächtiger, ewiger Gott,
erfülle uns mit Freude und Dankbarkeit,
denn in der Himmelfahrt deines Sohnes
hast du den Menschen erhöht.
 
Schenke uns das feste Vertrauen,
dass auch wir zu der Herrlichkeit gerufen sind,
in die Christus uns vorausgegangen ist,
der in der Einheit des Heiligen Geistes
mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
(Tagesgebet)

Mittwoch, 13. Mai 2015

13. Mai 1917 - 1. Erscheinung der Muttergottes in Fatima


Marienstatue in der Erscheinungskapelle, Fatima

Etwa drei Kilometer außerhalb von Fatima befindet sich ein Landstück, die Cova da Iria, das Lucias Eltern gehörte. Sein Name bedeutet "Mulde der Irene", benannt nach der portugiesischen heiligen Irene oder Iria. Es war ein natürliches Amphitheater von vielleicht 500 Metern im Durchmesser, eine Mulde, von Hängen umgeben. Hierher trieb Lucia ihre Herde, zusammen mit der Herde von Jacinta und Franciska, an jenem 13. Mai 1917, dem Sonntag vor Christi Himmelfahrt, nachdem die Kinder, wie jeden Sonntag, die heilige Messe in der Dorfkirche besucht haben. Sie hatten keine Eile, schlenderten über die steinigen Felspfade, ließen die Schafe schon am Wegrand grasen, und so stand die Sonne bereits hoch am Himmel, als sie ihr Ziel erreichten. Als die Mittagsglocken im Dorf läuteten, packten sie, ohne Zeit zu verlieren, ihre Vesperpakete aus, die am Sonntag immer einen ganz besonderen Leckerbissen enthielten, machten das Kreuzzeichen, beteten das "Vaterunser" und begannen zu essen. Als sie damit fertig waren, trieben sie die Schafe den Hang höher hinauf zu einem frischen Futterplatz, um "Häuserbauen" zu spielen. Francisco war der Architekt und Maurer, die Mädchen seine Gehilfinnen.

Ein grell aufleuchtendes Licht, einem Blitz ähnlich, unterbrach ganz plötzlich ihr Spiel. Zog ein Gewitter auf, mussten sie sich unverzüglich auf den Heimweg machen. Doch am stahlblauen Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Kein Lüftchen bewegte sich, strahlendes Sonnenlicht flimmerte in der klaren, sauberen Luft. Lucia traute dem Frieden nicht. "Gehen wir lieber nach Hause. Es hat geblitzt, es könnte ein Gewitter geben." Wie immer waren die anderen bereit, ihr zu folgen. Doch kaum wollten sie aufbrechen, blitzte ein zweiter Lichtstrahl auf. Instinktiv machten die Kinder ein paar Schritte nach vorn, dann blickten sie alle wie automatisch nach rechts. Was sie dann sahen, verschlug ihnen den Atem.

"Über einer Steineiche schwebte eine Dame, ganz in Weiß gekleidet, strahlender als die Sonne", erklärte Lucia später, "Sie verbreitete ein noch helleres Licht als die hellsten Sonnenstrahlen, die durch ein mit Wasser gefülltes Kristallglas scheinen. Überrascht durch diese Erscheinung, blieben wir stehen. Wir standen so nahe, dass wir innerhalb des Lichtes blieben, welches sie umgab oder das sie ausstrahlte.  Der Abstand betrug etwa anderthalb Meter." Die wundersame Frau schien 15 bis 18 Jahre alt zu sein. Sie war nur 1,20 Meter groß und hatte schwarze Augen. Ihr Kleid war weiß wie Schnee, am Hals mit einer goldenen Schnur geschlossen und bis zu den Füßen reichend, die die Blätter der Steineche kaum berührten. Ein weißer, goldumsäumter Mantel umhüllte den Kopf und die ganze Gestalt. Von den Händen, die sie vor der Brust gefaltet hielt, hing ein Rosenkranz aus weiß leuchtenden Perlen mit einem kleinen, silbernen Kreuz herab. Um den Hals trug sie eine Kette, an der, in Höhe ihrer Taile, eine strahlende Kugel hing. Ein heller LIchtschein umstrahlte ihr Antlitz, doch ihre reinen, unendlich zarten Züge schienen von Traurigkeit überschattet.

"Hab keine Angst, ich tue euch nichts zuleide", sprach sie mit einer sanften Stimme, die Lucia tief in ihrem Innersten vernahm.
"Woher kommst du?", fragte das Hirtenmädchen.
"Ich komme vom Himmel."
"Und was willst du hier in der Welt?"
"Ich bin gekommen, euch zu bitten, daß ihr in den folgenden sechs Monaten, jeweils am Dreizehnten, zur selben Stunde hierher kommt. Dann werde ich euch sagen, wer ich bin und was ich will. Ich werde danach noch ein siebtes Mal hierher zurückkehren."
"Komme ich auch in den Himmel?"
"Jawohl!"
"Und Jacinta?"
"Auch!"
"Und Francisco?"
"Auch, aber er muss noch viele Rosenkränze beten."
Lucia fragte in kindlicher Einfalt noch nach dem Schicksal zweier verstorbener Mädchen aus dem Dorf: "Ist Maria das Neves schon im Himmel?"
"Jawohl."
"Und Amelia?"
"Sie bleibt bis zum Ende der Welt im Fegefeuer."
Lucias Augen füllten sich mit Tränen, die langsam ihre Wangen herunterrollten.
"Kannst du mir sagen, ob der Krieg noch lange dauern oder bald zu Ende sein wird?"
"Das kann ich dir noch nicht sagen, ebenso wenig wie ich dir jetzt schon sagen kann, was ich wünsche."
Lucia schluckte betroffen.

"Wollt ihr euch Gott anbieten, um alle Leiden zu ertragen, die Er euch schicken wird, zur Sühne für alle Sünden, durch die Er beleidigt wird und als Bitte um die Bekehrung der Sünder?", fragte die strahlend leuchtende Frau.
"Ja, wir wollen das!", antwortete Lucia stellvertretend für die beiden anderen Kinder.
"Ihr werdet also viel leiden müssen, aber die Gnade Gottes wird eure Stärke sein."

Mit diesen Worten öffnete sie zum ersten Mal die Hände. Ein starkes Licht, noch heller als das, das sie umgab, ging von ihnen aus, drang in die Brust und ins tiefste Innere der Kinder ein - "und wir erkannten uns selber in Gott, der dieses Licht war, viel klarer, als wir uns im besten Spiegel sehen konnten", schrieb Lucia später. Instinktiv fielen die drei Kinder auf die Knie, begannen inbrünstig zu beten: "O heiligste Dreifaltigkeit, ich bete dich an. Mein Gott, mein Gott, ich liebe dich im heiligsten Sakrament."

Lucia und Jacinta streuen bei d. Fronleichnamsprozession Blumen
Rosenkranzbasilika, Fatima


"Betet täglich den Rosenkranz, um den Frieden der Welt und das Ende des Krieges zu erlangen", forderte die Lichtgestalt sie noch auf, um sich anschließend langsam zu erheben und in östlicher Richtung aufzusteigen, bis sie in der Unendlichkeit der Ferne entschwand. "Das Licht, das sie umgab, schien einen Weg durch die Himmelswölbung zu öffnen", meinte Lucia.
(aus: M. Hesemann, Das Fatima-Geheimnis, 34ff)

Turmkreuz mit Krone, Rosenkranzbasilika, Fatima

Sonntag, 10. Mai 2015

6. Sonntag der Osterzeit





In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern:
Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!
Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.
Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
Dies trage ich euch auf: Liebt einander!


Die Auferstehung, Sant´ Anastasia, Verona

Samstag, 9. Mai 2015

Maria, lehre uns lieben

San Carlo, Turin


Wir befinden uns in der Osterzeit, der Zeit der Verherrlichung Jesu. Das Evangelium, das wir soeben gehört haben, erinnert uns daran, daß sich diese Verherrlichung durch die Passion verwirklicht hat. Im österlichen Geheimnis sind Passion und Verherrlichung eng miteinander verbunden, sie bilden eine untrennbare Einheit. Jesus sagt: »Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist in ihm verherrlicht« (Joh 13,31), und er spricht so, als Judas aus dem Abendmahlssaal hinausgeht, um den Plan seines Verrates auszuführen, der zum Tode des Meisters führen wird: Genau in diesem Augenblick beginnt die Verherrlichung Jesu. Der Evangelist Johannes gibt uns dies eindeutig zu verstehen: er sagt nämlich nicht, daß Jesus nur nach seiner Passion durch die Auferstehung verherrlicht worden ist, sondern er zeigt, daß seine Verherrlichung bereits mit der Passion begonnen hat. In ihr offenbart Jesus seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit der Liebe, die sich selbst ganz hinschenkt. Er hat den Vater geliebt und daher seinen Willen in einer vollkommenen Hingabe bis zum äußersten erfüllt; er hat die Menschheit geliebt und so sein Leben für uns hingegeben. So wird er bereits in seiner Passion verherrlicht, und Gott wird in ihm verherrlicht.
Doch die Passion – als äußerster und tiefster Ausdruck seiner Liebe – ist nur ein Anfang. Deshalb sagt Jesus, daß seine Verherrlichung auch eine künftige Verherrlichung sein wird (vgl. V. 32). In dem Augenblick, in dem er seinen Weggang von dieser Welt ankündigt (vgl. V. 33), gibt der Herr den Jüngern gleichsam als Vermächtnis ein Gebot, um auf neue Weise seine Gegenwart unter ihnen fortzusetzen: »Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (V. 34). Wenn wir einander lieben, so ist Jesus weiterhin mitten unter uns gegenwärtig, so wird er weiterhin in der Welt verherrlicht.

Jesus spricht von einem »neuen Gebot«. Worin aber besteht dessen Neuheit? Bereits im Alten Testament hatte Gott das Gebot der Liebe gegeben; nun aber wird dieses Gebot von neuem gegeben, wobei Jesus etwas sehr Wichtiges hinzufügt: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.« Das Neue besteht gerade in diesem »Lieben, wie Jesus geliebt hat«. All unserem Lieben geht seine Liebe voraus und es bezieht sich auf diese Liebe, es fügt sich in diese Liebe ein, es wird gerade durch diese Liebe wirklich. Das Alte Testament gab uns kein Vorbild der Liebe, sondern es formulierte nur das Gebot zu lieben. Jesus hingegen hat sich selbst als Vorbild und Quell der Liebe gegeben. Es handelt sich um eine grenzenlose, universale Liebe, die auch alle negativen Umstände und alle Hindernisse in Gelegenheiten zu verwandeln vermag, um in der Liebe fortzuschreiten. Und wir sehen in den Heiligen dieser Stadt die Verwirklichung dieser Liebe, wobei stets der Quell der Liebe Jesu deren Ausgangspunkt war.

In den vergangenen Jahrhunderten hat die Kirche von Turin eine reiche Tradition der Heiligkeit und des großherzigen Dienstes an den Brüdern und Schwestern erfahren – wie der Kardinalerzbischof und der Bürgermeister in Erinnerung gerufen haben –, und dies dank des Wirkens eifriger Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen des aktiven und kontemplativen Lebens sowie von Laiengläubigen. Die Worte Jesu nehmen daher für diese Kirche Turins, die, angefangen bei ihren Priestern, eine großherzige und aktive Kirche, einen besonderen Klang an. Indem Jesus uns das neue Gebot gibt, bittet er uns, seine Liebe und aus seiner Liebe zu leben, die ein glaubhaftes, beredtes und wirksames Zeichen ist, um der Welt das Kommen des Reiches Gottes zu verkündigen. Natürlich sind wir, wenn wir uns allein auf unsere eigenen Kräfte verlassen, schwach und begrenzt. In uns regt sich da immer ein Widerstand gegen die Liebe, und in unserem Leben gibt es viele Schwierigkeiten, die Trennungen, Groll und Verbitterung hervorrufen.

Doch der Herr hat uns versprochen, in unserem Leben gegenwärtig zu sein, uns zu dieser großherzigen und vollkommenen Liebe zu befähigen, die alle Hindernisse zu überwinden vermag, auch jene, die in unseren eigenen Herzen sind. Wenn wir mit Christus vereint sind, können wir wirklich auf diese Weise lieben. Die anderen zu lieben, wie Jesus uns geliebt hat, ist nur durch jene Kraft möglich, die uns in der Beziehung mit ihm entgegentritt, besonders in der Eucharistie, in der wirklich Liebesopfer gegenwärtig wird, das wiederum Liebe hervorbringt. Sie ist die wahre Neuheit in der Welt und der Kraftquell einer anhaltenden Verherrlichung Gottes, der im Fortbestand der Liebe Jesu in unserer Liebe verherrlicht wird.

(aus der Predigt von Papst Benedikt XVI. vom 2. Mai 2010 in Turin)


Sonntag, 3. Mai 2015

Am Grab der Apostel Philippus und Jakobus

Basilika der zwölf Apostel, Santi Apostoli, Rom


Philippus, Apostel. Philippus stammte aus Bethsaida und war zuerst Jünger des Täufers Johannes. In Bethsaida berief ihn Jesus zur Nachfolge, und Philippus führte dann Nathanael als weiteren Jünger in den Kreis um Jesus ein (Joh 1, 43 – 49). Vor der Speisung der Fünftausend stellt Jesus ihn auf die Probe (Joh 6,5-7). Griechen, die Jesus zu sehen wünschten, wandten sich an Philippus (Joh 12,21-22). Er nahm am letzten Abendmahl teil und wurde dabei von Jesus gerügt, weil er dessen Sendung offenbar noch immer nicht verstanden hatte (Joh 14,8f.). Über das Lebensende des Philippus fehlen sichere Nachrichten, der Legende nach erlitt er in Skythien, das in der heutigen Ukraine liegt, das Martyrium durch Kreuzigung.
Seine Reliquien kamen über Konstantinopel nach Rom und befinden sich heute in der Basilika der Zwölf Apostel. Die Kunst hat mit Vorliebe den Kreuzestod des Philippus dargestellt.



Jakobus der Jüngere, Apostel. Jakobus war der Sohn des Alphäus bzw. Klopas und jener Maria, die der Kreuzigung Jesu beiwohnte (Mk 15,40). Sein Beiname „der Kleine“ (Mk 15,40) ist wohl ein Hinweis auf seine Statur (ferner Mk 15,47 und 16,1). Er war der älteste der vier sogenannten „Herrenbrüder“ Joses, Judas und Simon als der Älteste genannt (Mk 6,3; Mt 13,55). Wie die übrige Verwandtschaft stand er offenbar dem öffentlichen Wirken Jesu lange Zeit ziemlich verständnislos gegenüber (Mk 3,21 und 31; Mk 6,4; Mk 21,31-35; Joh 7,3-10). Erst die im 1. Korintherbrief bezeugte Oster-Epiphanie (1 Kor 15,7) hat Jakobus zum Glauben gebracht (Apg 1,14). Fortan besaß er als Verwandter Jesu und Osterzeuge innerhalb der Gemeinde von Jerusalem besondere Autorität. Paulus nennt ihn als eine der drei Säulen der Urgemeinde neben Kephas und Johannes. Auf dem Apostelkonzil (Apg 15) gestand Jakobus schließlich den Heidenchristen die Freiheit von der Last des Gesetzes zu (Apg 15,19 und 28f; Gal 2,1-10). Nach dem Weggang des Petrus nach Rom war Jakobus
Bischof von Jerusalem, Paulus besuchte ihn auf seiner dritte Missionsreise, um die Kollekte aus der Heidenmission abzuliefern (Apg 21,18-26; Röm 15,30-32). Als untadeliger Judenchrist erhielt Jakobus den Ehrennamen „der Gerechte“. Josephus Flavius berichtet glaubwürdig, dass der Hohepriester Ananos II. den Jakobus um 61 steinigen ließ (Ant XX, 199f). Das Haupt des Jakobus des Jüngeren wird in Ancona verehrt, sein Attribut ist die Keule.
(Martyrologium Sancrucense)


Fresko d. Gewölbes im Mittelschiff, Triumpf d. Franziskanerordens, 1707

Das größte Altargemälde der Stadt zeigt das das Martyrium der Apostel.

Confessio mit den Reliquien der Apostel Philippus und Jakobus

Reliquien der Apostel Philippus u. Jakobus in einem Mamorsarkophag

Wandmalereien stammen aus dem 19. Jh.

Als Jesus aufblickte und sah, daß so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben? Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen, denn er wußte, was er tun wollte. Philippus antworte ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll. (Joh 6,5-7)




Freitag, 1. Mai 2015

Josef, heiliger Arbeiter, beschütze unsere Werke





Die Morgenröte, Botin der Sonne,
die dem Monat der Blüten vorausgeht,
grüßt das vom Hammer des Handwerkers
tönende Haus in Nazareth.

Sei gegrüßt, häusliches Oberhaupt,
unter dem der höchste Schöpfer,
mit salzigem Schweiß benetzt,
das väterliche Handwerk ausübt.

In die hohen Wohnungen versetzt
und der erhabenen Braut am nächsten,
stehe nun den Schützlingen bei,
welche der Mangel plagt.

Fern seien Gewalt und Streit,
jeder Betrug beim Lohn;
des Lebensunterhalts und der Speise Menge
soll messen einzig die Genügsamkeit.

O Einheit der Dreifaltigkeit,
auf die Fürsprache Josephs
bitten wir: im Frieden leite unser
aller Schritte und den Weg. Amen.

(Diurnale Romanum, 117 S, Hymnus zur Laudes am. 1. Mai)


Chiesa di San Giuseppe, Orvieto

Maria mit Kind, links d. hl. Josef, rechts Elisabeth u. Zacharias, S. Guiseppe, Orvieto

Flucht nach Ägypten, Josef m. Werkzeug

Verlobung v. Maria u. Josef

Bitte für uns, heiliger Joseph, alleluja.
Getreuer Beschützer unserer Mühen. alleluja.

Mittwoch, 29. April 2015

Am Grab der hl. Katharina von Siena in Santa Maria sopra Minerva


Mittelschiff von Santa Maria sopra Minerva, unter dem Hochaltar liegt die hl. Katharina v. Siena begraben, Rom

Katharina von Siena, Dominikanerin und Mitpatronin Europas. Das außergewöhnliche Leben der Katharina Benincasa, die Paul VI. zur Patronin Italiens und Johannes Paul II. zur Mitpatronin Europas ernannte, begann um 1347 zu Siena. Katharina Benincasa war die Tochter eines Wollfärbers und trat mit achtzehn Jahren bei den Bußschwestern vom hl. Dominikus ein. Raimund von Capua wurde ihr Seelenführer. Im Pestjahr 1374 erkrankte sie selbst bei der Pflege von Pestkranken. In Pisa erhielt sie 1375 die Stigmata, die bis zu ihrem Tod der Öffentlichkeit verborgen blieben. Erstaunlich ist, dass die Mystikerin mit staatsmännischem Talent und Eifer in viele Streitigkeiten und Feindschaften eingriff, und dass man den Einfluss Katharinas in der damaligen Gesellschaft auch tatsächlich gelten ließ.

Besonders setzte sie sich für die Rückkehr der Päpste von Avignon nach Rom ein. Tatsächlich endete durch ihr unaufhörliches Drängen schließlich die selbstgewählte Gefangenschaft des Papsttums in Avignon: Gregor XI. übersiedelte 1377 in das völlig heruntergekommene Rom; freilich wünschte der Papst zugleich die Anwesenheit Katharinas in der Ewigen Stadt. In Rom betete, litt und sorgte Katharina weiterhin für die Einheit und für die Reform der Kirche. Sie pflegte eine christozentrische Frömmigkeit, die besonders in der Verehrung des kostbaren Blutes des Herrn ihren Ausdruck fand.

Katharina von Siena starb am 29. April 1380 in Rom und wurde in der Dominikanerkirche Santa Maria sopra Minerva beigesetzt. Sie wird dargestellt im Habit der Dominikanerinnen mit Lilie, Buch, Kruzifix und Rosenkranz, oft auch mit den Wundmalen des Herrn.
(Martyrologium Sancrucense)



Statue des Erlösers von Michelangelo, um 1521




Sarkophag der hl. Katharina von Siena m. liegender Statue, um 1430, das Haupt der Heiligen wurde 1385 v. Raimund v. Capua an die Kathedrale San Domenico von Siena gegeben.


Kurz nach der heiligen Ölung ging eine große Änderung in Katharina vor sich. Sie begann, Gesicht und Arme unterschiedlich zu bewegen. Dadurch zeigte sie, daß die Dämonen ihr hart zusetzten. Mehr als anderthalb Stunden focht sie mit ihnen einen grausamen Kampf. Als die Hälfte dieser Zeit wortlos verstrichen war, fing sie an zu sprechen: "Ich habe gesündigt, Herr, erbarme Dich meiner!"
Das wiederholte sie ungefähr mehr als sechzigmal. Sie hob dabei jedesmal ihren rechten Arm und schlug auf das Bett. Dann änderte sie die Worte und sagte nahezu ebenso oft: "Heiliger Gott, hab Erbarmen mit mir!" ohne den Arm zu rühren. Danach wechselte sie mehrmals ihre Ausdrucksweise in Demut und Hingabe, wobei sie andauernd verschiedene Bewegungen machte...
Wir legten nun ein Andachtsbild vor sie hin, ein Täfelchen mit vielen Heiligenreliquien und bestimmten Figuren. Sogleich richtete sie ihren Blick auf den Gekreuzigten. Sie begann zu beten und sprach erhabene Dinge von der Güte Gottes. Im Gebet klagte sie sich vor Gottes Angesicht allgemein ihrer sämtlichen Sünden an.
Sie sagte: "Meine Schuld, ewige Dreieinigkeit, daß ich dich durch grobe Nachlässigkeit, Unwissen, Undank, Ungehorsam und viele andere Verfehlungen beleidigt habe! Ich Elende habe deine Gebote, die für alle gelten, nicht befolgt, obgleich deine Güte sie mir Armseligen eigens ans Herz gelegt hat."
Sie schlug häufig an ihre Brust und bekannte ihre Schuld. Zugleich fuhr sie fort: "Ich habe dein Geheiß, das du mir aufgetragen hast, nicht beachtet. Ich sollte stets danach trachten, dir die Ehre zu geben und die Mühe meinem Nächsten zu widmen. Doch war ich bestrebt, mir die Ehre zu verschaffen, und bin in der Zeit der Not vor der Mühsal geflohen. Du ewiger Gott, hast mir befohlen, mich ganz aufzugeben und einzig den Ruhm und Lobpreis deines Namens in der Rettung der Seelen zu suchen.
Du hast mich dazu bestellt, Seelen zu führen. Du hast mir liebe Söhne und Töchter in großer Zahl anvertraut, um sie mit besonderer Liebe zu umfangen und sie sorgsam auf dem Weg der Wahrheit zu leiten. Und ich war für sie ein Spiegel der Erbärmlichkeit! Ich habe mich nicht sorgfältig um sie gekümmert, noch sie mit beharrlichem und demütigem Gebet vor dir unterstützt. Ich habe ihnen weder das Beispiel guten und heiligen Lebens noch Worte der Unterweisung gegeben. Ach, ich Unglückselige!"
Solcher und vieler anderer Versagen klagte sich die reinste Taube an, meiner Meinung nach mehr, um uns ein Beispiel zu geben, als weil sie es nötig gehabt hätte. Dann wandte sie sich an den Priester und sagte: "Um der Liebe des gekreuzigten Christus willen sprecht mich von den Sünden los, die ich im Angesicht Gottes bekannt habe, und auch von allen andern, an die ich mich nicht erinnere." Es geschah so.
Als das Ende nahte, verrichtete sie ein besonderes Gebet für die Kirche, für die sie, wie sie versicherte, ihr Leben hingebe. Sie betete für Papst Urban VI., den sie  mit Nachdruck als wahren Oberhirten bezeichnete, und bestärkte ihre Söhne für diese Wahrheit das Leben hinzugeben. Dann betete sie mit großer Inbrunst für alle ihre geliebten Kinder, die Gott ihr anvertraut hatte, um sie mit besonderer Liebe zu umhegen. Sie benützte dabei viele Worte, die unser Erlöser bei seinem Gebet für die Jünger zum Vater sprach. Ihr Gebet kam so aus dem innersten Herzen, daß selbst die Steine, nicht nur unsere Herzen, hätten zerspringen müssen. Sie schlug ein Kreuz und segnete alle. So kam sie dem ersehnten Ende immer näher. Sie verharrte ununterbrochen im Gebet und sagte: "Herr, du rufst mich, daß ich zu dir komme, und ichkomme zu dir, nicht mit meinen Verdiensten, sondern allein mit deinem Erbarmen. Um dieses Erbarmen bitte ich dich kraft des Blutes."
Schließlich rief sie mehrmals: "Blut, Blut!"
Zuletzt sagte sie nach dem Vorbild unseres Erlösern: "Vater, in deine Hände empfehle ich meine Seele und meinen Geist", und sanft, im Gesicht ganz wie ein Engel, neigte sie das Haupt und gab den Geist auf.
(aus einem Brief Barduccio di Piero Canigiani´s an Schwester Katharina di Peroboni, in: Proprium des Predigerordens, 315ff)


Ewiger Gott, nimm gnädig das Opfer meines Lebens an
im mystischen Leib deiner heiligen Kirche.
Empfange mein Herz und presse es aus
über das Antlitz deiner Braut, der Kirche.
Katharina v. Siena
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...